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V
o r t r a g L' H o e s t
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Ausstellungseröffnung
am 11. September 1998
MAVIS
Produzentengalerie Düsseldorf
Auf
Ihrer Einladung steht unter dem Rubrum "Was noch?":
Vortrag Wolfgang L'Hoest; das will ich Ihnen nun aber doch
nicht antun! Da ich aber versprochen habe, zu dieser Ausstellungseröffnung
zu sprechen, will ich mit einigen Anmerkungen zum Oeuvre von
Marlene Dammers helfen, den sehr weit gespannten Bogen der
Kunstäußerungen verstehen zu lernen.
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Weitgespannt
ist das Farbspektrum. Da gibt es Temperaturkontraste, wie
zum Beispiel im großen roten Aktbild einer liegenden
Frau, in dem die Farben Rot und Blaugrün sowie Gelb
und Türkis heftigste Farbkontraste bilden. Nur durch
die sparsame Dämpfung des leuchtenden Rots und mittels
der die Farbflächen am direkten Zusammenprall hindernden
Konturstriche wird hier das Abgleiten ins Grellbunte so
gerade noch vermieden.
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Dies
sind Bilder, in denen die Suggestivkraft des Kolorits, gesteigert
durch einen oft großflächigen Auftrag, hohe Intensität
erreicht. Diese Art Bilder erinnern mich an einen Ausspruch
André Derains, der über die Fauves sagt: "Es
war ein Aufstand des Farbgefühls und eine Reaktion gegen
alles, was . . . <aus dem Leben gegriffenen> ähnelte."
Neben
diesen Farbexaltationen gibt es aber auch weniger heftige
Farborchestrationen, wie zum Beispiel in "Schirm"
aus 1995, wo die Kontraste dadurch beruhigt werden, daß
die verwendeten Leucht-Farben nur einer Seite, dem "Warmen"
des Farbkreises entlehnt sind.
Schließlich
werden die Farbphantasien im Sinne einer absteigenden Heftigkeit
durch Koloritgedanken abgerundet, wie er beispielsweise in
der Komposition mit drei Frauenbildnissen auftaucht. Hier
werden die Kaltwarmkontraste durch Brechen, die Rottöne
mittels Schwarz und Weiß, die sparsam eingesetzten Blaus
durch Übermalen, in den Grenzbereich zum Farbmelodisch-Monochromen
hinübergeführt; hier bestimmen mehr die starken
Helldunkelkontraste als die Chromatikleuchtkraft die Farbdynamik.
Der
weitgespannte Bogen, von dem eingangs die Rede war, endet
vorläufig (?) bei den neuesten Arbeiten, entstanden im
Sommer diesen Jahres, die von einem völligen Verzicht
auf Farbe - Schwarz und Weiß sind keine Farben! - geprägt
sind.
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Hier,
am Ende der Notizen über die Farbe könnte Ihnen,
dem kunsthistorisch gebildeten Publikum, vielleicht der kritische
Gedanke aufkommen, daß es dies doch in den ersten Jahrzehnten
unseres jetzt zu Ende gehenden Jahrhunderts alles schon einmal
so ähnlich gegeben hätte: bei den Fauves und Expressionisten.
Das wäre richtig, wenn dem nicht die Tatsache entgegenstünde,
daß Marlene Dammers die außerbildnerisch gesehenen
Fakten durch ihr ganz subjektives Filter ureigener Gefühlskraft
preßt, das Bild hier, trotz aller grundsätzlichen
Vorwegnahmen, jedesmal zu einer hinlänglich originären
Schöpfung werden läßt, zumal auch jeder kopistischen
Tendenz entsagt wird.
Soviel zur Farbe - soviel, weil die Farbe das primäre
bildnerische Element ist -; und nun einiges zum Bildaufbau:
Generell tendieren die Kompositionen zum Einfachen, Klargegliederten
hin. Hier gibt es keine vielschichtig - raffinierten Überlagerungen
verschiedener Strukturierungsgedanken.
Da
sehen wir zuweilen, wie in den beiden, in der Ausstellung
gegenübergehängten Frauenakten, das Gliederungsprinzip
mittels fallender Diagonale, die der Ausrichtung der Körperachse
folgt. Aber: es gibt keinen Spannungsaufbau bei den Kompositionen,
wo nicht auch der Gedanke an die bildnerische Einheit mit
berücksichtigt wurde.
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So
werden zum Beispiel beim rot und gelb- ockrig gehaltenen Frauenakt
aus 1997 durch das Abwinkeln des linken Beines und mittels des
partiell rot und orange gefärbten Schlittens der "Grund"
an die "Figur" gebunden.
Neben den stark spannungshaltigen Kompositionen gibt es aber
auch - ähnlich wie bei den Farbideen - ruhige Bildarchitekturen,
wie beispielsweise in der Arbeit mit den vier Akten aus 1997
zu sehen. |
Hier
wird das Strukturprinzip der ornamentalen Reihung nur durch
den etwas schräg versetzten Frauenakt an der rechten Seite
ein wenig dynamisiert.
Neben
den beiden Kompositionsschemata, von denen es natürlich
viele Abwandlungen in der Ausstellung gibt, sei noch eine weitere
Methode des Bildaufbaus erwähnt, welche die Künstlerin
gerne einsetzt: die Mittenbetonung. |
Dies
ist gut in einem Bild aus 1995 zu sehen, in dem eine Figur so
stark durch Brushstrokes "verunstaltet" wird, daß
sie endlich zum beinahe abstrakten Zeichen mutiert. Hier bilden
Schwärzen, kräftige Konturen und Farbakzente einen
zentral gelagerten Kompositions-schwerpunkt, der aber auch durch
Farbrapporte und Verzahnungen das Homogene im Inhomogenen einlagert.
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Wenden
wir uns nun zum Schluß zwei augenfällig wichtigen
Aspekten in der Malerei von Marlene Dammers zu, dem Prinzip
der Wiedergabe von Gegenständlichem und dem Zeichenmodus.
Das Charakteristikum ist hier, von wenigen und dann auch
noch meist frühen Arbeiten einmal abgesehen, die grobe
Stilisierung, die das Formgerüst, oft gestützt
auf Farbkontraste und breite Pinselstrichkonturen, deutlich
zu Tage treten lassen. Durch einen Prozeß, in dessen
Verlauf sich das Interesse vom Abbildhaften weg hin zum
Wichtigernehmen kraftvoll-expressiver Malweise verschiebt
- zum Ende hin wird dieses Verlangen sogar übermäßig
- tritt dieses Gestaltungsprinzip immer klarer in den Vordergrund.
In
dem Männerportrait von 1989 wird der fleckige Farbauftrag,
die Pinselschrift, noch sehr der anatomischen Genauigkeit
untergeordnet. Das, was später einmal ganz wichtig
wird, daß nämlich das "wie gemalt"
viel mehr betont wird als anekdotische Trefflichkeit, ist
hier erst ganz verhalten-ansatzweise zu sehen.
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Schon
ganz anders bei "Motorrad" aus 1995, einem meiner
Lieblingsbilder in dieser Werkschau. Hier tritt der kraftvolle
und energisch vorgetragene Pinselduktus, das Handschriftlich-Subjektive,
beinahe gleichberechtigt neben die Indienstnahme der Zeichnung
durch den Gegenstand. Dieser Vorgang des sukzessiv Autonomer-Werdens
von "Handschrift", freilich nicht in zeitlogischen
Abläufen, läßt sich schon an der kleinen Landschaftsstudie
mit hellem Haus hinter Bäumen und dem danebenhängenden
Blumenstilleben ablesen. |
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Und
dann, für mich beinahe unabwendbar, wenn natürlich
auch eine ganz entgegengesetzte Entwicklung - zurück
zum Akademismus - theoretisch möglich gewesen wäre,
da wir bei aufmerksamem Rundgang solche Bemühungen -
siehe Schädel aus 1996! - immer wieder sehen können,
überlagert bei den im Sommer 1998 in Trier entstandenen
Arbeiten die subjektiv-wilde Pinselschrift das objektiv Wahrgenommene.
Konnten wir bei "Motorrad" noch von einer gelungenen
Synthese aus objektiver Sicht und subjektiver Schilderungsweise
reden, beginnt hier nun eine Schaffensphase, in der das Gegenständliche
mehr und mehr "verwischt" wird und eigentlich nur
noch ferner Ausgangspunkt für eine abstrakte Bildidee
ist.
Furios,
aber beileibe nicht unstrukturiert, überlagert nun der
kräftig-nervöse Duktus, das "Innenbild",
welches aus psychischer Erregung und Vorstellung aufsteigt,
den gegenständlichen Vorwurf.
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Im
fast vier Quadratmeter großen grau-schwarzen Bild aus
1998 verdrängt emotionsbeladene Gestik, auf achrome schwarze
und graue Flächen geschrieben Pinselschläge, jeden
"Dialogpartner" aus dem Bereich optischer Wahrnehmung.
Und
wie im Traum - die meisten Menschen träumen schwarzweiß!
- wie in Traumbildern, die aus tiefen Schichten unseres Unterbewußtseins
aufsteigen, schlagen sich hier nervöse Spannungen, psychomotorische
Energien und Formphantasien aus der Innenwelt von Marlene
Dammers auf der Bildfläche zeichenhaft nieder. Körper,
Arm, Pinsel und Leinwand als Seismograph.
Düsseldorf,
den 11.9.1998
Wolfgang
L'Hoest
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